"We'll cross that bridge when we get to it"

Verwandtschaft machen

Der wunderbare Begriff „Verwandtschaft machen“ stammt aus einem Kulturvergleich. Ethnologen haben festgestellt, dass Verwandtschaft und Familie in manchen Gesellschaften nicht nur über Abstammung sondern vor allem über die tatsächlich gelebten Beziehungen definiert werden. Forscher der Berliner Humboldt-Universität befassten sich z.B. dem Thema „Verwandtschaft machen – Reproduktionsmedizin und Adoption in Deutschland und der Türkei“ auch in einer Studie. Auch die meisten der unten vorgestellten Familien haben „Verwandtschaft gemacht“. Es fehlen mindestens ein wenn nicht gar zwei genetische Links zwischen Eltern und Kindern. Die Familienform basiert auf Bindung, Vertrauen und Zusammengehörigkeit und nur zum Teil auf genetischer Verwandtschaft (siehe Neuland / Werte oder Gene). Die einen Familien sind zufällig in dieser Form so entstanden, die anderen sind nach einem langen Reifungsprozess so geschaffen worden.


Allein erziehende Frauen und Männer
Es gibt einen leiblichen Vater / eine leibliche Mutter. Beide waren auch irgendwann mal ein Paar. Im Alltag trifft das Kind seinen getrennt lebenden Elternteil irgendwo zwischen täglich und nie.
Kuckuckskinder
Niemand außer der Mutter weiß, dass der genetische Vater des Kindes (evtl.) ein anderer Mann ist.
Es wird eine hohe Dunkelziffer vermutet.
Auslandsadoption
Die genetischen Eltern des Kindes sind z.B. aus Russland, Äthiopien oder Kolumbien und waren vielleicht nur kurz ein Paar.
Im Regelfall kann das Kind die leiblichen Eltern auf Grund unzureichender Meldeverhältnisse im Herkunftsland nicht kontaktieren.
Pflegefamilie
Pflegeeltern nehmen ein fremdes Kind dauerhaft oder vorübergehend in ihre Familie auf, da noch „Platz in ihrem Herzen ist“. Die leibliche Mutter/sonstige Verwandte und die Pflegefamilie kennen sich meist durch Besuchskontakte.
Lesbische und homosexuelle Paare mit Kind
Lesben mit Kinderwunsch entscheiden sich oft, einen Bekannten als Samenspender zu fragen oder sie nehmen einen Spender mit open identity aus einer Samenbank. Manche Lesben haben auch ein Kind aus einer früheren Beziehung zu einem Mann.
Homosexuelle Männer brauchen eine Eizellspende und eine Leihmutter.
Adoptionen nach anonymer Geburt
Das Kind wurde anonym entbunden bzw. in eine Babyklappe gelegt. Es gibt keine Möglichkeit, Informationen über die leiblichen Eltern zu erhalten.
Kinder nach Samenspende
Das Paar entschied sich einvernehmlich zur Samenspende. Der soziale Vater ist nicht der genetische Vater. Pro Jahr etwa 500 – 1.000 Geburten in Deutschland.
Patchwork-Familien
Familien werden neu zusammengewürfelt, da ein Mann und eine Frau sich ineinander verliebt haben, die bereits Kinder mit anderen Partnern haben. Ein Patchwork-Elternteil ist immer nur soziales Elternteil.

In einer persönlichen Entscheidungssituation ergibt manchmal ein Perspektivenwechsel den entscheidender Schritt nach vorne. Sich anders vergleichen ist hierbei das Stichwort - nicht mit der Norm, sondern mit ungewöhnlichen Konstellationen. (siehe Entscheidung / Hineinwachsen und Vertrauen) Bei Kinderwunsch sind Familien, die „Verwandtschaft gemacht haben“, besonders für einen Vergleich geeignet. Manchen Frauen hilft es auch, die gespendete Eizelle wie ein gespendetes Organ zu betrachten, das Ihnen gefehlt hat (siehe Spenderin / wie wird sie ausgewählt). Oder Paare betrachten die Eizellspende wie eine Form der Adoption – nur eben inklusive einer eigenen Schwangerschaft (siehe Neuland / Vergleich mit Adoption).

*) Sonderforschungsbereich 640
Forschungsprojekt „Kulturen der Zusammengehörigkeit im Kontext sozialer und reproduktionsmedizinischer Transformationsprozesse“